Mal- und Zeichenwerkstatt

Bildprozess und Bildbesprechung

Ein Individuationsprozess durch schöpferisches Gestalten
Die Initiatische Kunsttherapie ist eine ressourcenorientierte Arbeit, die sich auf das bildnerische Potential des Menschen konzentriert. Sie schöpft aus einem ganzheitlichen Wissen, um den Individuationsprozess eines Menschen. Innerer Gesetzmäßigkeit folgend, wird die jeweils eigene Weg-Spur seines Schicksals sichtbar und kann in der Bildbesprechung bewusster werden.

Mein Arbeitsfeld ist die tiefenpsychologisch orientierte kunsttherapeutische Begleitung der jeweils individuellen Eigen-Art eines Menschen in seiner seelischen Wirklichkeit. Die Ausdrucksmittel sind verschiedene Materialien der Farben, der Zeichenkreiden, der Tusche, der Collage der Tonerde und das in Worte fassen im Schreiben.

„Die Linie als Spur einer Bewegung …
Das also ist die ARS LINEANDI: die Wiedererinnerung an die unsichtbaren Ideen in der Seele – und dies ist ihre Leistung:
sie gibt ihren eigenen Erkenntnissen Leben, weckt den Geist, reinigt den Verstand und bringt die Formgestalten, die wesenhaft in uns sind, ans Licht.“
Proklos, Philosoph – 485 n. Chr.

„Das spielerisch-ernsthafte Umgehen mit Urformen kann Orientierungsmöglichkeiten über unser Dasein in der Welt geben. Es kann auch über die Beziehung zu uns selbst und den Mitmenschen etwas aussagen:
der Kreis bedeutet Umfangen-Sein – das Quadrat kann Eingegrenzt-Umgrenzt-Sein bedeuten – das Dreieck ist die Figur der miteinander verbundenen Spannungen, es bedeutet Bezogen-Sein – die Spirale das Über-sich-hinaus-Sein - das Kreuz bedeutet das Ausgespannt - Sein zwischen vertikalen und horizontalen Richtungen - das Mandala ist das in der Ganzheit-Sein“.
Ingrid Riedel, Formen, tiefenpsychologische Deutung

Das „Geführte Zeichnen“

Es geht um die befreiende Expression, den Ausdruck seelischer Sprache in spontan entstehenden Rhythmen, Linien, Urformen und Flächen, die wie von selbst, von Innen auf das Papier kommen wollen … Geführtes Zeichnen.

Die sichtbare Spur der gezeichneten Linien
Meine Art der Arbeit hat sich aus dem „Geführten Zeichnen“ weiter entwickelt, das durch Dr. Maria Hippius in der Existential Psychologischen Bildungs- und Begegnungsstätte Todtmoos-Rütte in ihrer Begleitung mit Schülern und Patienten angewendet wurde. Sie hat in der tiefenpsychologisch fundierten Dissertation „Der grafische Ausdruck von Gefühlen“ diese therapeutische Arbeitsweise entworfen. Von 1968 bis 1998 hat sie mich in meinem eigenen Individuationsprozess, in ihrer Schulung und Supervision begleitet.

Es geht um die befreiende Expression von Erinnerungen, die in ihrer eigenen seelischen Sprache durch spontan entstehende Linien, Rhythmen, Urformen und Flächen mit zeichnenden Stiften, oft beider Hände und geschlossenen Augen auf das Papier kommen wollen.

Die Ausdrucksmöglichkeiten der Linien in freier spontaner Strichführung, die durch den jeweils individuellen Gefühlszustand geführt werden, sind unerschöpflich.

Die Gebärden aus dem Psycho-physischen Emotionalen des Körpers wie das, was durch des Menschen Seelen-Innerstes im tiefsten Schauen in sich selbst erlebt wird und in den zeichnenden Ausdruck will, kann zu einer erkenntnisreichen Erfahrung von sich selbst und seiner Verwirklichung führen.

Die Begleitung im Betrachten und Benennen der aufgezeichneten Seelenspuren ergänzt diesen jeweils eigenen Prozess in der Suche zu sich selbst und auf dem Weg seines seelischen Wachstums. Im Bewusstwerden der Erfahrungen ist neue Entscheidung und Veränderung in seinem Leben möglich. Die Sehnsucht nach der eigenen Weise und Art seines zeichnerischen Ausdrucks erfährt Bestätigung.

„Das Licht, dieses Urphänomen der Welt, offenbart uns in den Farben den Geist und die lebendige Seele der Welt“.
„So wie der Laut dem gesprochenen Wort farbigen Glanz verleiht, so verleiht die Farbe einer Form den seelisch erfüllten Klang“.
„Farben sind Strahlungskräfte, Energien, die auf uns in positiver wie negativer Weise einwirken können, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.“
Johannes Itten, Kunst der Farbe

„Wichtige Ausdrucksträger unter den Farben sind die drei Primärfarben Rot, Blau und Gelb als die unvermischten reinen Farben und ihrer reichen Symbolik.
Nuancenreich und differenziert wie ihre vielfältigen Tönungen sind die Sekundärfarben Orange, Grün und Violett, die sich aus jeweils einem Paar der Primärfarben mischen lassen.
Die ausdrucksstarken Grenzwerte der Farbskala, Weiß und Schwarz, die Licht und Dunkel, Leben und Tod darzustellen vermögen, die ungeschiedene Fülle der Farbigkeit im noch ungebrochenen Licht sowie auch ihr Verlöschen im Dunkel.“
Ingrid Riedel, Farben in Religion,
Gesellschaft, Kunst und Psychotherapie

Kunst der Farbe

Farbe ist Licht und Licht ist Farbe!
Licht birgt in sich alle UR – Farben. Ohne Licht können wir keine Farben sehen. In der bildnerischen Arbeit mit Farben geht es auch darum, seine Eigen-Art in der subjektiven Farbauswahl anerkennen zu lernen und um den Mut, seine eigenen Farben zum Ausdruck zu bringen.

Alle Erkenntnis auf dem Weg zu sich selbst kann nur im Erkennen seiner Eigenfarbe werden. Jeder Mensch ist in seiner individuellen Eigen-Art bestimmt. Das gleiche Licht bekundet sich in jedem anders. Einmalig und einzigartig ist die Farbe des Lichts in jedem Menschen. Nur in der eigenen Weise kann er es in sich erkennen und verwirklichen. Farbe bedeutet auch, seine Sinne zu kultivieren. Die Freude an der sinnlichen Wahrnehmung kann schon ein schöpferischer Impuls zur Farbe sein.
Im Empfinden und sichtbar machen der inneren Bilder kann die ureigene Bildsprache entdeckt werden und zum Ausdruck kommen.
Der eigene Bildprozess und die Bildbesprechung können mitwirken, sich selbst erkennen zu lernen. Das Bild macht sichtbar, was aus Erlebnis, Eindruck und der inneren Umwandlung in die eigene Bildsprache zur bewussten Erfahrung werden kann. Durch Bilder spricht das Unfassbare.
Unsagbares wird sichtbar.

„Wenn Worte fehlen, sprechen Bilder“.
Gertraud Schottenloher, Bildnerisches Gestalten und Therapie

Die subjektiv gewählten Farben im Bildprozess können zum Ausdruck bringen, was krank macht und heilen will. Was verhindert, sich selbst zu sein, kann sich erkennen. Was an Schattenkräften ins Unbewusste verdrängt ist und bewusst werden will. Was abhängig macht, kann erkannt und verändert werden. Neue Lebensimpulse können sichtbar und fühlbar sein.

Collage

Papier-und Farbflächen zerschneiden, zerreißen, trennen, zerstückeln und wieder zusammensetzen in einer neuen Komposition zu einer vielschichtigen Ganzheit, das kann das Arbeiten mit Collage sein. Hinzu können andere Materialien kommen, die jeweils, dem eigenen Thema entsprechend, kombiniert werden, aus anderen Zusammenhängen herausgenommen, neu zusammengesetzt, in Aus-ein-andersetzung gebracht.

Tusche

„Vergleichbar mit den Spiralen, von innen nach außen, von außen nach innen, kommen wir scheinbar immer wieder an den gleichen Ort. Doch durch genaueres Betrachten gibt es keine Wiederholung. Genauso wie in jedem Übungsweg: Nicht die Themen verändern sich, vielmehr unsere Sichtweise, denn unser jeweiliges ‚Jetzt’ ist im Fluß, steter Wandel bestimmt seine Erscheinungsform. Indem ich mehr und mehr die Kraft der Gegenwart zulassen kann, erfahre ich das Einmalige dieses Augenblicks.“
Katharina Sheperd, „Zen in der Kunst der Tuschemalerei“